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Mittelmass oder «World-class»?

Ist Mittelmass nicht einfach spitze? Oder bevorzugst du «World-class» über Mittelmass? Wie oft gieren wir nach Aufmerksamkeit? Wir wollen immer mehr. Fordern uns alles ab im Alltag. Unsere Kinder drillen wir zu Höchstleistung. Was für ein Irrsinn! Die meisten von uns sind und bleiben durchschnittlich. Müssen wir in Allem herausragend sein? Reicht es nicht, in einigen wichtigen Dingen bewundernswert oder brillant zu sein? Hingegen sich aus Faulheit mit Durchschnitt begnügen, ist gleichbedeutend mit Resignation. Es ist klug den Schmerz der Disziplin in der Gegenwart dem Schmerz des Bedauerns in der Zukunft vorzuziehen.


📷👉🏻 Alexander Redl, unsplash.com

«Gleichgültigkeit ist die Rache der Welt an den Mittelmässigen», schrieb Oscar Wilde und hatte recht. Wer nicht abweicht vom Durchschnitt, bleibt unbeachtet. Umgekehrt gilt natürlich auch, dass der, der Beachtung findet, nicht mehr mittelmässig wirkt, selbst wenn er es ist. Beachtung scheint das Mass zu sein, nach dem sich unser Wert bemisst. Aufmerksamkeit wecken wir, indem wir uns vom Durchschnitt abheben. Das ist schnell erkennbar beim Wohlstand: das grosse Haus, das moderne Auto, die exklusive Yacht. Trotzdem wollen wir mehr sein. Wir spüren zwar unsere Grenzen. Aber wir finden immer auch Punkte, die uns Gewissheit geben, eigentlich doch etwas Besonderes zu sein. Oft ist es der Beginn einer permanenten Überforderung vom Kindergarten bis zur Rente: Wozu? Um uns den Urlaub leisten zu können, in dem wir das einfachere Leben genießen? Worin liegt der Wert, sich über die anderen zu erheben?


Das Mittelmass ist für viele ein Graus, weil es unsichtbar macht. Über den Mittelmässigen spricht man nie. Menschen im Mittelfeld fallen kaum auf und für viele ist es ganz in Ordnung inkognito zu bleiben. Bedauerlich ist die neuzeitliche Entwicklung, jedes denkbare Abweichen von der Norm zu suchen, und sei es noch so negativ. Beispiel dafür sind zahlreiche Celebrities, die es offenbar aus dem Nichts geschafft haben, auf tausende Followers und in grosse TV Shows zu gelangen. Wir alle wollen jemand sein, aber definitiv kein Niemand. Gelingt es uns herauszuragen, hebt das unser Selbstwertgefühl. Doch bedeutet das auch gleichzeitig ein gesünderes Selbstbewusstsein zu erlangen? Eine englische Redensart sagt, «Money and Fame bring a man shame». In der jüngeren Weltgeschichte gibt es unzählige Beispiele von Menschen, die an ihrem Geld, ihrem Ruhm und ihrer Macht gescheitert sind.


Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir durchschnittlich Intelligent sind, liegt bei 95 Prozent. Nur fünf Prozent von uns haben einen Intelligenzquotienten, der nach oben oder unten merklich vom Durchschnitt abweicht. Das ist auch gut so. Für ein dauerhaft gutes Leben ist es weit besser, viele Dinge gut zu können, als in einer Sache genial zu sein. Und das hat durchaus seine positiven Seiten. Ist es nicht beruhigend zu wissen, dass die Schaltstellen der Macht in Politik und Wirtschaft, in sozialen Zirkeln oder im Arbeitsleben nicht von Normabweichlern, Exzentrikern oder Ausnahmetalenten, sondern von lebenstüchtigen Durchschnittsmenschen besetzt werden.


Berechenbar, Gewissenhaft, Aufrichtig und Ehrlich zu sein, ist für viele Menschen ein Kraftakt. Wer über kurze oder lange Zeit einen sehr guten Job macht, ist nicht einfach gleichzusetzen mit Mittelmass. Es ist etwas Besonderes den verlockenden Versuchungen, der eiskalten Hinterhältigkeit, den eigennützigen Abkürzungen und den egoistischen Bereicherungen des Lebens zu widerstehen. Die Rechtfertigung, schliesslich niemandem Rechenschaft schuldig zu sein, zeugt eben von dieser Selbstzentriertheit. Mit dem eigenen Verhalten, der geleisteten Arbeit, dem Umgang mit anderen Menschen oder mit dem Hobby Weltklasse-Niveau erreichen zu wollen ist voll ok. Wer sich aus mangelndem Antrieb mit dem Durchschnitt begnügt, resigniert vor der notwendigen Disziplin, um aus dem eigenen Leben mehr herauszuholen. Nicht was du erreichst ist wichtig, sondern was deine Lebensreise aus dir macht.


«Haben oder Sein?», fragte einst Erich Fromm und hoffte damit «die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft» zu beschreiben. Man hat ihn gelesen, gefeiert und vergessen: Heute ist der was, der was hat. Nur: Haben wir nicht alles, was wir brauchen? Wollen und verlangen wir nicht permanent zu viel? Wenn du Weltklasse erlangen willst, ist es ratsam, Weltklasse nicht haben zu wollen. Haben oder sein sind entscheidend gegen das Risiko, auf dem Weg zur Weltspitze allzu verbissen und verbittert zu werden. Gleichzeitig steckt in «Weltklasse erreicht zu haben», einer der grössten Charaktertests, die du dir vorstellen kannst. Alle Menschen haben irgend ein besonderes Talent. Es zu haben, ist nicht dasselbe, wie dieses Talent zu kultivieren. Was du aus dir machst, entscheidest du jeden Tag neu.


In der Bibel lesen wir vom jungen Mann, der Jesus fragte, was er tun muss, um das ewige Leben zu bekommen (Markus 10.17). Diese Begebenheit widerspiegelt haarscharf die falsche Vorstellung von haben und sein im Glauben. Der junge Mann fragte Jesus sozusagen nach den Mindesteinlassbedingungen für einen Einlass in den Himmel. Dasselbe Verhalten finden wir noch heute in kirchlichen Kreisen: Erst, wenn du sicher bist, gerettet zu sein, dann hast du den vermeintlichen Elitestatus erreicht. Ganz hart ausgedrückt, ist dieser Gedanke an Mindesteinlassbedingungen jedoch nichts anderes, als sich mit Mittelmass zu begnügen. Ist es nicht viel mehr unser Sein das entscheidet, und nicht der Besitz einer Eintrittskarte. Nicht unsere erbrachte Leistung sondern die Beziehung zu Jesus Christus bringt uns das ewige Leben. Rettender Glaube ist ein Glaube, der es mir ermöglicht, ein interaktives Leben mit Jesus im Hier und Jetzt zu leben.

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